17 Aug 2017

AGGRESSION

AGGRESSION - PSYCHOLOGE DR. MARKUS THIELE - BERLIN

Freuds Lektüre von Triebe und Triebschicksale (1915) zeigt, dass die Psychoanalyse über eine ausgefeilte metapsychologische Theorie der Aggressivität verfügt. Das scheinbare Umschlagen von Liebe in Hass sei nur eine Illusion. Der Hass sei keine negative Liebe, er habe seine eigene Entwicklung, die Freud in seiner ganzen Komplexität aufzeigt und dessen zentrale These es ist, dass die richtigen Vorbilder für die Hassrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung stammten.

Freud ging in seinem Ansatz über die Genese der Aggression später dann von einem dem Menschen angeborenen Trieb aus. Diese Annahme eines Destruktions- und Todestriebs wurde von neueren Psychoanalytikern zunehmend kritisiert, sodass in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Revision dieser Theorie stattfand. Die Erklärungen von Aggression und Destruktivität stellen eine Beziehung zwischen Aggression, Identität und Selbstwert her. So geht der Psychoanalytiker Kohut davon aus, dass die Befriedigung aggressiver Impulse der Wiederherstellung eines beschädigten Selbstwertgefühls und der Aufrechterhaltung der Identität dient.

Aggressiven Kindern fehlt eine stabile Identität, weil ihnen ihre Eltern vermittelten, dass das Empfinden derartiger Gefühle schlecht ist. Dies führt bei den Kindern zu einer tiefen Verunsicherung. Narzisstisch verwundet, reagieren sie auf Kränkungen besonders heftig, weil sie zur Aufrechterhaltung ihres Selbst auf die Verfügbarkeit eines idealisierten Selbstobjekts angewiesen sind.
Zudem hassen sie sich selbst für ihre nicht überwundene, erlebte Hilflosigkeit und innere Verzweiflung und projizieren den Hass auf andere, um den Zustand innerer Verzweiflung und Leere ertragen zu können. Sie reagieren dann auf die narzisstische Kränkung mit schamvollem Rückzug, sprich Flucht, oder mit narzisstischer Wut, also Kampf.

Demzufolge ist Aggression aus psychoanalytischer Sicht der Ausdruck einer Verunsicherung des Selbst, die durch frühkindlich erfahrene emotionale Kränkungen resp. Ambivalenzen ausgelöst wurde.

“Soziologisch betrachtet kommt der Familie eine fundamentale Bedeutung bei der Entstehung aggressiven Verhaltens zu. Die häufigste Ursache sind hierbei Gewalterfahrungen in der Familie.”

Der Soziologe, Anthropologe und Psychologe Dollard stellte im Zusammenhang mit seiner Frustrations-Aggressions-Theorie die Hypothese auf, dass Aggression immer ein Resultat von Frustration sei. Nach diesem Modell wird Aggression durch frustrationsauslösende Ereignisse im Sine eines „Wenn-Dann-Mechanismus“ verursacht. Das sei zum Beispiel der Fall, wenn die Ausführung einer auf ein Ziel gerichteten Handlung unterbrochen oder blockiert wird. Je stärker die Frustration sei, desto intensiver die aggressive Reaktion.

Diese Einschätzung konnte jedoch so nicht aufrechterhalten werden. Auf eine Frustration folgte nicht notwendigerweise eine Aggression, und Aggressionen seien nicht in jedem Fall Resultate von Frustrationen, sodass sein Kollege Miller, der bei Anna Freud studierte, die Hypothese wenig später modifizierte. Jede Frustration stelle zwar einen Anreiz für eine Aggression dar, manche Frustration sei aber zu leicht, um aggressives Verhalten auszulösen. Da bei andauernder Frustration der Aggressionstrieb zunähme, sofern die Möglichkeit einer Abfuhr vereitelt würde, bestehe zwar noch ein Bezug zur analytischen Sichtweise, allerdings sei die Ursache aggressiven Verhaltens nicht länger in internalen Faktoren (Aggressionstrieb) zu sehen, sondern bestünde in hinreichend starken beziehungsweise wiederholten Frustrationen auf der Matrix externaler Erfahrungen.

Aggression tritt zudem auch häufig ohne vorausgegangene Frustration auf und kann auch zu vielen anderen Reaktionen führen wie beispielsweise Vermeidungsverhalten. Ergänzungen des Modells richten sich deshalb vor allem auf die Fragen, welche weiteren kognitiven und situativen Faktoren den Mechanismus beeinflussen. Das Auftreten einer Aggressionshandlung hängt beispielsweise entscheidend von der Interpretation und Bewertung des auslösenden Frustrationsereignisses ab. Je nach Interpretation resultiert eine geringere oder höhere Frustration.

Soziologisch betrachtet kommt der Familie eine fundamentale Bedeutung bei der Entstehung aggressiven Verhaltens zu. Die häufigste Ursache sind hierbei Gewalterfahrungen in der Familie. Nach dem Prinzip des Modell-Lernens kann aggressives Verhalten der Eltern zu einem Anstieg aggressiven Verhaltens bei den Kindern führen. In Untersuchungen über Zusammenhänge zwischen dem Familienklima und dem Auftreten von aggressivem Verhalten bei Kindern konnte beobachtet werden, dass in den Familien aggressiver Kinder gehäuft Konflikte und vermehrt Stress auftreten.

17 Aug 2017     Dr. Markus Thiele

AGGRESSION

AGGRESSION - PSYCHOLOGE DR. MARKUS THIELE - BERLIN

Freuds Lektüre von Triebe und Triebschicksale (1915) zeigt, dass die Psychoanalyse über eine ausgefeilte metapsychologische Theorie der Aggressivität verfügt. Das scheinbare Umschlagen von Liebe in Hass sei nur eine Illusion. Der Hass sei keine negative Liebe, er habe seine eigene Entwicklung, die Freud in seiner ganzen Komplexität aufzeigt und dessen zentrale These es ist, dass die richtigen Vorbilder für die Hassrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung stammten.

Freud ging in seinem Ansatz über die Genese der Aggression später dann von einem dem Menschen angeborenen Trieb aus. Diese Annahme eines Destruktions- und Todestriebs wurde von neueren Psychoanalytikern zunehmend kritisiert, sodass in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Revision dieser Theorie stattfand. Die Erklärungen von Aggression und Destruktivität stellen eine Beziehung zwischen Aggression, Identität und Selbstwert her. So geht der Psychoanalytiker Kohut davon aus, dass die Befriedigung aggressiver Impulse der Wiederherstellung eines beschädigten Selbstwertgefühls und der Aufrechterhaltung der Identität dient.

Aggressiven Kindern fehlt eine stabile Identität, weil ihnen ihre Eltern vermittelten, dass das Empfinden derartiger Gefühle schlecht ist. Dies führt bei den Kindern zu einer tiefen Verunsicherung. Narzisstisch verwundet, reagieren sie auf Kränkungen besonders heftig, weil sie zur Aufrechterhaltung ihres Selbst auf die Verfügbarkeit eines idealisierten Selbstobjekts angewiesen sind.
Zudem hassen sie sich selbst für ihre nicht überwundene, erlebte Hilflosigkeit und innere Verzweiflung und projizieren den Hass auf andere, um den Zustand innerer Verzweiflung und Leere ertragen zu können. Sie reagieren dann auf die narzisstische Kränkung mit schamvollem Rückzug, sprich Flucht, oder mit narzisstischer Wut, also Kampf.

Demzufolge ist Aggression aus psychoanalytischer Sicht der Ausdruck einer Verunsicherung des Selbst, die durch frühkindlich erfahrene emotionale Kränkungen resp. Ambivalenzen ausgelöst wurde.

“Soziologisch betrachtet kommt der Familie eine fundamentale Bedeutung bei der Entstehung aggressiven Verhaltens zu. Die häufigste Ursache sind hierbei Gewalterfahrungen in der Familie.”

Der Soziologe, Anthropologe und Psychologe Dollard stellte im Zusammenhang mit seiner Frustrations-Aggressions-Theorie die Hypothese auf, dass Aggression immer ein Resultat von Frustration sei. Nach diesem Modell wird Aggression durch frustrationsauslösende Ereignisse im Sine eines „Wenn-Dann-Mechanismus“ verursacht. Das sei zum Beispiel der Fall, wenn die Ausführung einer auf ein Ziel gerichteten Handlung unterbrochen oder blockiert wird. Je stärker die Frustration sei, desto intensiver die aggressive Reaktion.

Diese Einschätzung konnte jedoch so nicht aufrechterhalten werden. Auf eine Frustration folgte nicht notwendigerweise eine Aggression, und Aggressionen seien nicht in jedem Fall Resultate von Frustrationen, sodass sein Kollege Miller, der bei Anna Freud studierte, die Hypothese wenig später modifizierte. Jede Frustration stelle zwar einen Anreiz für eine Aggression dar, manche Frustration sei aber zu leicht, um aggressives Verhalten auszulösen. Da bei andauernder Frustration der Aggressionstrieb zunähme, sofern die Möglichkeit einer Abfuhr vereitelt würde, bestehe zwar noch ein Bezug zur analytischen Sichtweise, allerdings sei die Ursache aggressiven Verhaltens nicht länger in internalen Faktoren (Aggressionstrieb) zu sehen, sondern bestünde in hinreichend starken beziehungsweise wiederholten Frustrationen auf der Matrix externaler Erfahrungen.

Aggression tritt zudem auch häufig ohne vorausgegangene Frustration auf und kann auch zu vielen anderen Reaktionen führen wie beispielsweise Vermeidungsverhalten. Ergänzungen des Modells richten sich deshalb vor allem auf die Fragen, welche weiteren kognitiven und situativen Faktoren den Mechanismus beeinflussen. Das Auftreten einer Aggressionshandlung hängt beispielsweise entscheidend von der Interpretation und Bewertung des auslösenden Frustrationsereignisses ab. Je nach Interpretation resultiert eine geringere oder höhere Frustration.

Soziologisch betrachtet kommt der Familie eine fundamentale Bedeutung bei der Entstehung aggressiven Verhaltens zu. Die häufigste Ursache sind hierbei Gewalterfahrungen in der Familie. Nach dem Prinzip des Modell-Lernens kann aggressives Verhalten der Eltern zu einem Anstieg aggressiven Verhaltens bei den Kindern führen. In Untersuchungen über Zusammenhänge zwischen dem Familienklima und dem Auftreten von aggressivem Verhalten bei Kindern konnte beobachtet werden, dass in den Familien aggressiver Kinder gehäuft Konflikte und vermehrt Stress auftreten.