11 Mrz 2019

ENTHALTSAMKEIT, ABHÄNGIGKEIT UND SELBSTKONTROLLE

Was bedeutet Verzicht?

Verzicht ist eine aktive Tätigkeit der Enthaltsamkeit trotz eines bestehenden Angebotes oder gar des Überflusses. Aktuell fällt der Begriff natürlich häufig in der gerade begonnenen Fastenzeit. Hierbei richtet er sich meist auf den Konsum von potentiellen Suchtmitteln wie bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol oder Medien. Verzicht ist aber auch als Abstinenz zu verstehen. Abstinenz im psychotherapeutischen, insbesondere im psychoanalytischen Prozess, kann aber paradoxerweise im Aspekt der Enthaltsamkeit erfüllend sein.

Müssen wir wirklich verzichten (lernen)?

Das kommt ganz auf die Dringlichkeit an. Wenn es sich um einen Verzicht handelt, der aus gesundheitlichen Gründen vollzogen werden soll, dann ist die Dringlichkeit eine andere, als wenn es um das Gefühl der Selbstkontrolle geht, indem man etwa auf spezielle Genussmittel oder Drogen verzichtet. Verzicht im Sinne der Abstinenz zu „erlernen“, bedeutet vor allem in der Lage zu sein, innerhalb psychischer Erkenntnisprozesse keine Auswege mehr zu nehmen, sondern auch die leidvollen Gefühle prozessual zu durchdringen.

Warum tut uns das angeblich gut?

Erfolgreich zu verzichten vermittelt uns im Großen und Ganzen das Gefühl Kontrolle über unsere Handlungen zu gewinnen und somit das reine Ausleben negativer oder gar monströser Affekte unterbinden zu können, die man eher dem Unbewussten zuschreibt. Diese positive Wendung zum positiv gedachten Verzicht vermittelt uns eine Freiheit im Sinne der Selbstgestaltung unseres Lebens.

“Nicht der reine Verzicht macht uns glücklich, aber die beschriebenen Umwege können zu einem Gefühl des Glücks verhelfen.”

Oder macht Verzicht uns gar glücklich?

Nicht der reine Verzicht macht uns glücklich, aber die beschriebenen Umwege können zu einem Gefühl des Glücks verhelfen.

Wenn man jedoch dadurch frustriert wird und schlechte Laune bekommt – raten Sie trotzdem zum Verzicht?

Wenn Verzicht ausschließlich zu Frust oder schlechter Laune führt, gilt es herauszufinden, woher dieser Frust eigentlich herrührt. Nach diesem gegangenen Schritt kann es sogar passieren, dass das Verzichten auf den Verzicht zu Besserung führt.

Ist Verzicht das Gegenteil von Abhängigkeit?

Verzicht ist erst einmal die Bewusstmachung von Abhängigkeit. Beide Begriffe stehen in einem spannungsvollen Zusammenhang zueinander. Der Verzicht ist eine Art Lautstärkeregler in diesem Spannungsfeld: Umso schwerer uns der Verzicht fällt, desto stärker steht man zu dem zu Verzichtenden in einem abhängigen Verhältnis.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach Verzicht-Trends?

Relativ neu auf der Speisekarte des Verzichts ist der Bereich der sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Tinder etc. bis hin zum E-Mail-Lesen vor dem zu Bett gehen. Im Verzicht darauf geht es vor allem darum, sein soziales Verhalten zurück in eine vermeintliche Unabhängigkeit und damit in die reale Welt zu überführen. Kein Like kann eine echte Umarmung ersetzen. Aber wie intensiv ist eine Umarmung noch spürbar, wenn sie keine virtuellen Likes bringt?

Erschienen in der BZ am Sonntag Nr. 68 vom 10.03.2019, S. 11, unter der Überschrift: “Der Berliner Psychologe und Soziologe Dr. Markus Thiele erklärt den Zusammenhang von Enthaltsamkeit, Abhängigkeit und Selbstkontrolle“.

11 Mrz 2019     Dr. Markus Thiele

ENTHALTSAMKEIT, ABHÄNGIGKEIT UND SELBSTKONTROLLE

Was bedeutet Verzicht?

Verzicht ist eine aktive Tätigkeit der Enthaltsamkeit trotz eines bestehenden Angebotes oder gar des Überflusses. Aktuell fällt der Begriff natürlich häufig in der gerade begonnenen Fastenzeit. Hierbei richtet er sich meist auf den Konsum von potentiellen Suchtmitteln wie bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol oder Medien. Verzicht ist aber auch als Abstinenz zu verstehen. Abstinenz im psychotherapeutischen, insbesondere im psychoanalytischen Prozess, kann aber paradoxerweise im Aspekt der Enthaltsamkeit erfüllend sein.

Müssen wir wirklich verzichten (lernen)?

Das kommt ganz auf die Dringlichkeit an. Wenn es sich um einen Verzicht handelt, der aus gesundheitlichen Gründen vollzogen werden soll, dann ist die Dringlichkeit eine andere, als wenn es um das Gefühl der Selbstkontrolle geht, indem man etwa auf spezielle Genussmittel oder Drogen verzichtet. Verzicht im Sinne der Abstinenz zu „erlernen“, bedeutet vor allem in der Lage zu sein, innerhalb psychischer Erkenntnisprozesse keine Auswege mehr zu nehmen, sondern auch die leidvollen Gefühle prozessual zu durchdringen.

Warum tut uns das angeblich gut?

Erfolgreich zu verzichten vermittelt uns im Großen und Ganzen das Gefühl Kontrolle über unsere Handlungen zu gewinnen und somit das reine Ausleben negativer oder gar monströser Affekte unterbinden zu können, die man eher dem Unbewussten zuschreibt. Diese positive Wendung zum positiv gedachten Verzicht vermittelt uns eine Freiheit im Sinne der Selbstgestaltung unseres Lebens.

“Nicht der reine Verzicht macht uns glücklich, aber die beschriebenen Umwege können zu einem Gefühl des Glücks verhelfen.”

Oder macht Verzicht uns gar glücklich?

Nicht der reine Verzicht macht uns glücklich, aber die beschriebenen Umwege können zu einem Gefühl des Glücks verhelfen.

Wenn man jedoch dadurch frustriert wird und schlechte Laune bekommt – raten Sie trotzdem zum Verzicht?

Wenn Verzicht ausschließlich zu Frust oder schlechter Laune führt, gilt es herauszufinden, woher dieser Frust eigentlich herrührt. Nach diesem gegangenen Schritt kann es sogar passieren, dass das Verzichten auf den Verzicht zu Besserung führt.

Ist Verzicht das Gegenteil von Abhängigkeit?

Verzicht ist erst einmal die Bewusstmachung von Abhängigkeit. Beide Begriffe stehen in einem spannungsvollen Zusammenhang zueinander. Der Verzicht ist eine Art Lautstärkeregler in diesem Spannungsfeld: Umso schwerer uns der Verzicht fällt, desto stärker steht man zu dem zu Verzichtenden in einem abhängigen Verhältnis.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach Verzicht-Trends?

Relativ neu auf der Speisekarte des Verzichts ist der Bereich der sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Tinder etc. bis hin zum E-Mail-Lesen vor dem zu Bett gehen. Im Verzicht darauf geht es vor allem darum, sein soziales Verhalten zurück in eine vermeintliche Unabhängigkeit und damit in die reale Welt zu überführen. Kein Like kann eine echte Umarmung ersetzen. Aber wie intensiv ist eine Umarmung noch spürbar, wenn sie keine virtuellen Likes bringt?

Erschienen in der BZ am Sonntag Nr. 68 vom 10.03.2019, S. 11, unter der Überschrift: “Der Berliner Psychologe und Soziologe Dr. Markus Thiele erklärt den Zusammenhang von Enthaltsamkeit, Abhängigkeit und Selbstkontrolle“.

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