Verlust jenseits des Scheiterns

26 Dezember 2025

Markus Thiele

Verlust jenseits des Scheiterns

Die Verlusterfahrungen sind zentral für das spätmoderne Subjekt. Dieser Beitrag versteht Verlust nicht als bloßen Objektverlust, sondern als Bruch im Symbolischen. Im Anschluss an die psychoanalytische Theorie von Lacan wird gezeigt, wie der Verlust sozialer Rollen und symbolischer Plätze unterschiedliche subjektive Konstellationen hervorruft. Klinische Beobachtungen im Rahmen von Depression und Burn-out werden mit den Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand des Schriftstellers Rolf Dieter Brinkmann in Beziehung gesetzt. Der Beitrag argumentiert, dass Psychoanalyse und Literatur unterschiedliche Modi darstellen, um dem Mangel einen Ort zu geben, ohne ihn zu beheben.

Nicht jedes Misslingen ist ein Verlust. Scheitern bezeichnet ein Verfehlen innerhalb einer bestehenden symbolischen Ordnung: Eine Erwartung wird nicht erfüllt, ein Ziel nicht erreicht, einer Norm nicht entsprochen. Verlust hingegen markiert den Wegfall dieser Ordnung selbst. Verloren geht nicht etwas Konkretes, sondern ein Signifikant, der dem Subjekt bislang eine Position im Symbolischen gewährte – ein Ort, von dem aus es sprechen, handeln und sich erkennen konnte.

Diese Unterscheidung ist für eine psychoanalytische Perspektive zentral. Während Scheitern im Symbolischen verhandelt, bewertet und korrigiert werden kann, entzieht sich Verlust dieser Logik. Er verweist auf eine Erschütterung der symbolischen Stützen des Subjekts und bringt es in unmittelbare Nähe zum Realen. Freud beschreibt in Trauer und Melancholie die psychischen Folgen eines solchen Verlusts; Lacan präzisiert, dass es dabei nicht primär um ein Objekt geht, sondern um den Verlust einer symbolischen Verankerung. Klinisch zeigt sich dies exemplarisch in depressiv-melancholischen Konstellationen.

Eine Patientin Mitte dreißig hat im Zuge einer Umstrukturierung ihre leitende Position verloren. Äußerlich bleibt ihr Alltag intakt, die Abläufe funktionieren, die Tage gehen weiter. Doch sie sagt leise: „Es gibt keinen Grund, traurig zu sein, und trotzdem ist alles weg.“ Es lässt sich kein konkretes Versagen benennen, kein Punkt, an dem sie gescheitert wäre. Stattdessen breitet sich eine eigentümliche Leere aus, als wäre der Raum, in dem sie bisher sprach, plötzlich ohne Resonanz. Der Verlust ist nicht erzählbar, weil der Signifikant fehlt, der ihn fassen könnte. Das Subjekt identifiziert sich mit dem verlorenen Ort selbst und wird zum Träger des Mangels. Trauer bleibt blockiert, nicht infolge von Widerstand, sondern aus Orientierungslosigkeit.

Rolf Dieter Brinkmanns Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand lassen sich als literarische Artikulation eines vergleichbaren Zustands lesen. Die Texte bewegen sich nicht innerhalb einer Logik des Misslingens. Sie kreisen um Wahrnehmungen, Brüche, abrupte Setzungen. Dinge treten isoliert hervor, Sätze brechen ab, Eindrücke verdichten sich. Die symbolische Ordnung erscheint nicht kritisierbar, sondern brüchig. Schreiben wird hier zur Praxis am Rand des Symbolischen – ein Festhalten von Intensität dort, wo Bedeutung nicht mehr trägt.

Das Scheitern wiederum zeigt sich dort, wo die feste symbolische Position nicht verschwindet, sondern instabil wird. In Strukturen, die häufig als Burn-out beschrieben werden, bleibt das Subjekt im Diskurs des Anderen verstrickt. Ein Patient Anfang vierzig berichtet, dass seine Tage vollständig von Anforderungen durchzogen sind. Termine, E-Mails, Erwartungen verdichten sich, ohne je abgeschlossen zu sein. Er sagt: „Ich mache alles richtig, aber es reicht nie.“ Die Rolle ist vorhanden, der Platz besetzt – doch er wackelt. Das Scheitern wiederholt sich, ohne Konsequenz, ohne Ende.

Erholung erscheint ihr wie Zeitverschwendung, jede Pause als impliziter Fehler. Sie scheitert nicht an einem Ziel, sondern an der Unmöglichkeit, je genug getan zu haben.

Ein weiterer Bericht zeigt die verkehrte Logik des Scheiterns verschärft: Eine Klientin in leitender Funktion beschreibt, dass sie selbst in freien Momenten nicht mehr aus dem Arbeitsmodus herausfindet. Erholung erscheint ihr wie Zeitverschwendung, jede Pause als impliziter Fehler. Sie scheitert nicht an einem Ziel, sondern an der Unmöglichkeit, je genug getan zu haben. Hier ist nichts verloren gegangen; vielmehr ist von allem zu viel da. Lacanisch gesprochen bleibt das Subjekt an das Begehren des Anderen gekettet. Die Erschöpfung entsteht nicht aus Leere, sondern aus permanenter Antwort auf eine Forderung, die strukturell unerfüllbar bleibt.

Auch hier lässt sich Brinkmann als Gegenfigur lesen. Sein literarischer Aufstand richtet sich nicht auf bessere Anpassung oder effizientere Erfüllung von Ansprüchen. Er besteht vielmehr in der Weigerung, Scheitern überhaupt noch als sinnvolle Kategorie anzuerkennen. Das Schreiben entzieht sich der Logik von Leistung, Bewertung und Fortschritt. Es insistiert auf Körper, Wahrnehmung, Augenblick. In diesem Sinne markiert Brinkmanns Poetik den Übergang vom Scheitern zum Verlust – und zugleich den Versuch, diesem Verlust eine Form zu geben, ohne ihn zu kompensieren.

Gesellschaftlich gewinnt diese Differenz eine besondere Schärfe. Spätmoderne Gesellschaften produzieren, wie der Soziologe Reckwitz gezeigt hat, systematisch Scheitern durch permanente Bewertung, kontinuierlichen Vergleich und ständige Sichtbarkeit. Zugleich destabilisieren sie symbolische Sicherheiten und erzeugen Verluste. Subjekte geraten so in eine paradoxe Lage: Sie scheitern an Anforderungen, deren Geltung selbst prekär ist. Der Verlust wird individualisiert, das Scheitern moralisiert.

Verlust ereignet sich damit an der Schnittstelle von Symbolischem, Imaginärem und Realem. Scheitern gehört zum Symbolischen; es setzt Regeln und Maßstäbe voraus. Verlust verweist auf deren Erschütterung. Dort, wo symbolische Orientierung zerbricht, verliert das Subjekt den Ort, von dem aus Scheitern überhaupt Sinn ergäbe.

Die psychoanalytische Arbeit besteht nicht darin, Verluste zu kompensieren oder Scheitern zu vermeiden. Sie eröffnet einen Raum, in dem Verlust symbolisiert werden kann, ohne ihn in die Logik von Schuld, Leistung oder Anpassung zurückzuführen. Symbolisierung bedeutet hier nicht Wiederherstellung, sondern die Möglichkeit, den Bruch zu artikulieren, ohne am Realen des Verlusts zu zerbrechen.



Literatur – insbesondere Brinkmanns Schreiben – folgt einer anderen Bewegung. Sie integriert den Verlust nicht, sondern hält ihn offen. Indem sie sich der Übersetzung von Verlust in Scheitern verweigert, macht sie eine Erfahrung sichtbar, die sich der normativen Ordnung entzieht. Wahrnehmung, Körper und Moment treten an die Stelle stabiler Bedeutungen.

Psychoanalyse und Literatur teilen in diesem Sinne eine Position. Sie zielen nicht darauf, dem Mangel abzuhelfen oder neue symbolische Sicherheiten zu garantieren. Sie schaffen vielmehr Bedingungen, unter denen das Subjekt nach dem Verlust eines Signifikanten weiter sprechen oder schreiben kann. Nicht die Wiederherstellung des Verlorenen steht im Zentrum, sondern die Möglichkeit, eine Beziehung zum Mangel zu finden, die nicht zerstörerisch wirkt.