26 Jan 2019

ABSTINENZ… PSYCHOTHERAPIE

Der Begriff Abstinenz bedeutet in erster Linie Enthaltsamkeit. Enthaltsamkeit aber setzt voraus, dass es etwas gibt, von dem man sich enthalten kann. Und enthalten muss man sich nur, wenn auch ein unerwünschtes Begehren dem sich zu Enthaltenden gegenüber mitschwingt.

Ebenso wie das Begehren eine Erfüllung sowie auch eine Tragik bedeuten kann, ist die Abstinenz im psychotherapeutischen, insbesondere im psychoanalytischen Prozess, im Moment der Enthaltsamkeit paradoxerweise erfüllend: „Wir müssen, so grausam es klingt, dafür sorgen, daß das Leiden des Kranken in irgendeinem wirksamen Maße kein vorzeitiges Ende findet. Wenn es durch die Zersetzung und Entwertung der Symptome ermäßigt worden ist, müssen wir es irgendwo anders als eine empfindliche Entbehrung wieder aufrichten.“ (S. Freud)

Die Produktivität des Leidens für den analytischen Prozess ist der notwendige Aspekt, der nur durch die Einhaltung der Abstinenzvereinbarung erfolgen kann. In diesem Sinn ist mit Abstinenz eine Form der Zurückhaltung gemeint. Die Wünsche des Analysanden sollen zwar formuliert, jedoch nicht „entladen“ werden. So kann der Wunsch in seiner Aussagevielfalt hilfreich sein, um das analytische Ziel zu verfolgen: Krankmachende Beziehungsmuster durch geschütztes Wiedererleben erfühlend zu begreifen und zu verändern.

Freundschaft kann nur unter Freunden bestehen, nicht aber in der therapeutischen Beziehung. Sowie sich etwa Mütter auf brüchigem Eis einer wirklich guten Beziehung bewegen, wenn sie ihrer Tochter eine Freundin sein wollen. Der positive Aspekt der Abweisung der Wunscherfüllung ist zwar schwer zu akzeptieren, sorgt aber im analytischen Prozess für ein Wiederbeleben und Durcharbeiten der entsagenden oder gar traumatischen Realität im geschützten Raum der Therapie.

“Ikarus, achte darauf, eine gemäßigte Höhe einzuhalten. Denn wenn du zu niedrig fliegst, beschwert die Feuchtigkeit deine Flügel und du wirst sinken. Wenn du aber zu hoch fliegst, wird die Hitze der Sonne deine Flügel schmelzen.”

Laplanche/Pontalis definieren die psychoanalytische Abstinenz wie folgt: „Grundsatz, wonach die psychoanalytische Behandlung so geführt werden soll, daß der Patient die geringstmögliche Ersatzbefriedigung für seine Symptome findet. Für den Analytiker schließt er die Regel ein, dem Patienten die Befriedigung seiner Wünsche zu versagen und tatsächlich die Rolle zu übernehmen, die dieser bestrebt ist, ihm aufzudrängen. In bestimmten Fällen und an bestimmten Punkten der Behandlung gehört es zur Abstinenzregel, das Subjekt auf den Wiederholungscharakter seines Verhaltens hinzuweisen, der die Arbeit des Erinnerns und Durcharbeitens hemmt. Die Rechtfertigung dieses Prinzips ist im wesentlichen ökonomischer Natur. Der Analytiker soll vermeiden, daß die durch die Behandlung freigewordenen Libidomengen sofort wieder äußere Objekte besetzen.” 

Das bedeutet in anderen Worten, dass der Analytiker sich vorrangig auf die Aufgabe konzentrieren muss den Patienten zur Erkenntnis der Wiederholung ihn schädigender Beziehungserfahrungen zu verhelfen. Dabei muss der Therapeut unbedingt mit Fingerspitzengefühl vorgehen und Empathie haben und Mitgefühl zeigen können – die Psychotherapie ist insofern eine besondere Art und Weise der korrigierenden Beziehungserfahrung.

Ines Graurock greift die Sage von Dädalus auf, der seinem Sohn Ikarus Flügel aus Federn bastelte, die mit Wachs zusammengehalten wurden: „Ikarus, achte darauf, eine gemäßigte Höhe einzuhalten. Denn wenn du zu niedrig fliegst, beschwert die Feuchtigkeit deine Flügel und du wirst sinken. Wenn du aber zu hoch fliegst, wird die Hitze der Sonne deine Flügel schmelzen.“ Dieser Bewegungsradius ist auch im therapeutischen Verfahren vom Klienten und Analytiker einzuhalten.

Das therapeutische Ziel ist der tragfähige Flug als Symbol für die Stabilisierung eines positiven Zustandes, nicht der narzisstische Höhenflug. Denn diesem folgt bekanntlich der Fall beziehungsweise in der Sprache der klinischen Psychologie: die depressive Dekompensation.

26 Jan 2019     Dr. Markus Thiele

ABSTINENZ… PSYCHOTHERAPIE

Der Begriff Abstinenz bedeutet in erster Linie Enthaltsamkeit. Enthaltsamkeit aber setzt voraus, dass es etwas gibt, von dem man sich enthalten kann. Und enthalten muss man sich nur, wenn auch ein unerwünschtes Begehren dem sich zu Enthaltenden gegenüber mitschwingt.

Ebenso wie das Begehren eine Erfüllung sowie auch eine Tragik bedeuten kann, ist die Abstinenz im psychotherapeutischen, insbesondere im psychoanalytischen Prozess, im Moment der Enthaltsamkeit paradoxerweise erfüllend: „Wir müssen, so grausam es klingt, dafür sorgen, daß das Leiden des Kranken in irgendeinem wirksamen Maße kein vorzeitiges Ende findet. Wenn es durch die Zersetzung und Entwertung der Symptome ermäßigt worden ist, müssen wir es irgendwo anders als eine empfindliche Entbehrung wieder aufrichten.“ (S. Freud)

Die Produktivität des Leidens für den analytischen Prozess ist der notwendige Aspekt, der nur durch die Einhaltung der Abstinenzvereinbarung erfolgen kann. In diesem Sinn ist mit Abstinenz eine Form der Zurückhaltung gemeint. Die Wünsche des Analysanden sollen zwar formuliert, jedoch nicht „entladen“ werden. So kann der Wunsch in seiner Aussagevielfalt hilfreich sein, um das analytische Ziel zu verfolgen: Krankmachende Beziehungsmuster durch geschütztes Wiedererleben erfühlend zu begreifen und zu verändern.

Freundschaft kann nur unter Freunden bestehen, nicht aber in der therapeutischen Beziehung. Sowie sich etwa Mütter auf brüchigem Eis einer wirklich guten Beziehung bewegen, wenn sie ihrer Tochter eine Freundin sein wollen. Der positive Aspekt der Abweisung der Wunscherfüllung ist zwar schwer zu akzeptieren, sorgt aber im analytischen Prozess für ein Wiederbeleben und Durcharbeiten der entsagenden oder gar traumatischen Realität im geschützten Raum der Therapie.

“Ikarus, achte darauf, eine gemäßigte Höhe einzuhalten. Denn wenn du zu niedrig fliegst, beschwert die Feuchtigkeit deine Flügel und du wirst sinken. Wenn du aber zu hoch fliegst, wird die Hitze der Sonne deine Flügel schmelzen.”

Laplanche/Pontalis definieren die psychoanalytische Abstinenz wie folgt: „Grundsatz, wonach die psychoanalytische Behandlung so geführt werden soll, daß der Patient die geringstmögliche Ersatzbefriedigung für seine Symptome findet. Für den Analytiker schließt er die Regel ein, dem Patienten die Befriedigung seiner Wünsche zu versagen und tatsächlich die Rolle zu übernehmen, die dieser bestrebt ist, ihm aufzudrängen. In bestimmten Fällen und an bestimmten Punkten der Behandlung gehört es zur Abstinenzregel, das Subjekt auf den Wiederholungscharakter seines Verhaltens hinzuweisen, der die Arbeit des Erinnerns und Durcharbeitens hemmt. Die Rechtfertigung dieses Prinzips ist im wesentlichen ökonomischer Natur. Der Analytiker soll vermeiden, daß die durch die Behandlung freigewordenen Libidomengen sofort wieder äußere Objekte besetzen.” 

Das bedeutet in anderen Worten, dass der Analytiker sich vorrangig auf die Aufgabe konzentrieren muss den Patienten zur Erkenntnis der Wiederholung ihn schädigender Beziehungserfahrungen zu verhelfen. Dabei muss der Therapeut unbedingt mit Fingerspitzengefühl vorgehen und Empathie haben und Mitgefühl zeigen können – die Psychotherapie ist insofern eine besondere Art und Weise der korrigierenden Beziehungserfahrung.

Ines Graurock greift die Sage von Dädalus auf, der seinem Sohn Ikarus Flügel aus Federn bastelte, die mit Wachs zusammengehalten wurden: „Ikarus, achte darauf, eine gemäßigte Höhe einzuhalten. Denn wenn du zu niedrig fliegst, beschwert die Feuchtigkeit deine Flügel und du wirst sinken. Wenn du aber zu hoch fliegst, wird die Hitze der Sonne deine Flügel schmelzen.“ Dieser Bewegungsradius ist auch im therapeutischen Verfahren vom Klienten und Analytiker einzuhalten.

Das therapeutische Ziel ist der tragfähige Flug als Symbol für die Stabilisierung eines positiven Zustandes, nicht der narzisstische Höhenflug. Denn diesem folgt bekanntlich der Fall beziehungsweise in der Sprache der klinischen Psychologie: die depressive Dekompensation.

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