26 Jan 2017

DEPRESSION & MEDIKAMENTE

DEPRESSION & MEDIKAMENTE - PSYCHOLOGE DR. MARKUS THIELE - BERLIN

Der Verbrauch von Antidepressiva ist stark gestiegen. Dabei gibt es Zweifel an ihrer Wirksamkeit und andere Wege aus dem Dunkel: “Aus dem Schatten ans Licht” von Julia Friedrichs und Thorsten Padberg im Zeit Magazin Nr. 25 vom 24.06.2016.

Hier nun ein Summary ihrer Recherchen:

Wenn jemand, wie Tobias, des Lebens müde ist, braucht er Hilfe. Natürlich wird auch in den allermeisten Fällen eine Psychotherapie empfohlen. Aber die Wartezeiten für einen Therapieplatz sind lang: im Schnitt sechs Monate, so das Ergebnis einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer. So viel Zeit haben Kranke nicht. Also gehen die meisten erst mal zum Arzt. Der hat einen Menschen vor sich, der leidet, und bietet das Mittel an, das schnell verfügbar ist: Medikamente.

Zwischen 2000 und 2013 hat sich in Deutschland laut Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse die verschriebene Tagesmenge an Antidepressiva verdreifacht. Sechs Prozent aller Erwerbstätigen schluckten die Medikamente. 2015 zahlten allein die gesetzlichen Krankenkassen dafür über 750 Millionen Euro an die Pharmaindustrie.

In Drüberleben, dem viel gelobten Roman der Bloggerin Kathrin Weßling, sagt die Hauptfigur Ida über sich: “Ich bin ein menschlicher Verkehrsunfall.” Sie geht in eine Klinik. Dort bringt man ihr bei, was ihr die Lust am Leben nahm: “… kein Schicksal, keine Bestimmung”, schreibt Weßling, “nur ein bisschen Serotonin, das fehlt.” Der Depressive, so vermitteln diese Aussagen, braucht Medikamente, um das chemische Ungleichgewicht in seinem Gehirn wieder in Ordnung zu bringen. Um das Serotonin, das ihm fehlt, künstlich aufzufüllen. Das Hormon Serotonin ist einer der wichtigsten Botenstoffe im Körper. Eine Theorie, mit der viele leben können: die Patienten, die eine einfache Erklärung bekommen, was mit ihnen los ist, und ein Medikament einnehmen können, das oft tatsächlich dazu führt, dass es ihnen besser geht. Die Ärzte, die auf dieser Basis ein Heilmittel anbieten können. Und die Firmen, die genau dieses Heilmittel verkaufen.
Es gibt nur ein Problem: Vermutlich stimmt sie so nicht.

“Dann aber stolperte er über zwei Studien, die ihn zweifeln ließen: Sowohl die Harvard Medical School als auch die WHO berichteten, dass die Zahl der dauerhaft psychisch Kranken in den USA angestiegen sei, zeitgleich zur Menge der verordneten Medikamente.”

In einem kargen Raum im Royal College of Psychiatrists in London hat sich Tim Kendall für uns Zeit genommen. Wir sind nicht die Ersten, denen er heute ein Interview gibt. Er ist ein viel gefragter Mann, schließlich entscheidet er in Großbritannien darüber, wie Depressionen am besten zu behandeln sind. “Diese Serotonin-Hypothese ist totaler Quatsch”, sagt er. Man merkt, dass ihn das simplifizierende Gerede über Serotonin persönlich ärgert. “Ich habe mir die Daten angeguckt, und sie sind Müll. Die Serotonin-Hypothese hält keiner Prüfung stand. Wir wissen heute, dass die Idee, dass ein einzelner Botenstoff für Depressionen verantwortlich gemacht werden kann, eigentlich lächerlich ist.” Auch an der Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg – laut Rankings eine der besten Adressen für Depressionspatienten – klingt das Urteil eindeutig.

Der Chefarzt der Psychiatrie, Tom Bschor, graues Hemd, graue Krawatte, gerader Rücken, ist eine wissenschaftliche Instanz: Mitglied der Arzneimittelkommission, Mitautor der deutschen Behandlungsleitlinien, Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie. Auch er sagt: Obwohl Einzelstudien immer wieder scheinbar gute Ergebnisse für einzelne Medikamente lieferten, “wissen wir aus Analysen, dass der Großteil der Wirkung, die wir sehen, wenn wir einem Patienten ein Antidepressivum geben, auf einen Placeboeffekt zurückgeht. Das ist wissenschaftlich eigentlich nicht zu bezweifeln.” Vor allem bei schweren Depressionen gebe es aber durchaus eine Wirksamkeit der Medikamente. Deshalb verschreibt er sie auch in seiner Klinik. Selbst wenn er den Wirkmechanismus nicht genau erklären kann. “Ich vermute inzwischen, dass zwar Effekte auf das Serotonin da sind, das ist eindeutig, das kann man messen. Aber ich glaube, das sind Begleiteffekte, die wir zusätzlich feststellen, und die eigentliche Wirkung auf die Psyche geht über ein ganz anderes System, das wir gar nicht richtig kennen oder verstanden haben.” Denn in einem Punkt ist auch Bschor überzeugt: “Dass Depressionen durch eine Verschiebung von Neurotransmittern wie Serotonin entstehen und dass Antidepressiva dies wieder ausbalancieren, stimmt mit Sicherheit nicht.”

Wenn Robert Whitaker in seinem Büro in Boston über die Gefahren von Antidepressiva spricht, tut er das mit der Inbrunst des Konvertiten: Der einstige Tageszeitungsjournalist gründete in den Neunzigern eine Firma, die Pharmaunternehmen Berichte über Medikamententests lieferte. “Wir waren Industriefreunde”, sagt Whitaker. Dann aber stolperte er über zwei Studien, die ihn zweifeln ließen: Sowohl die Harvard Medical School als auch die WHO berichteten, dass die Zahl der dauerhaft psychisch Kranken in den USA angestiegen sei, zeitgleich zur Menge der verordneten Medikamente. Whitaker stellte sich die naive Frage: Wie kann das sein, wenn wir Pillen haben, die wirklich helfen? Viele Patienten verzweifeln, wenn sie merken, dass die Medikamente, an die sie glauben, die Depression nicht bezwingen. Allen Frances ist einer der einflussreichsten Psychiater der USA, war Mitautor des weltweit genutzten Diagnosekatalogs für psychische Erkrankungen. In seinem Buch Normal schreibt er, dass es gerade bei leichten und mittelschweren Depressionen viele Pfade geben könne, die aus dem Dunklen führen: Eine Therapie sei mindestens genauso zu empfehlen wie Medikamente. “Es dauert länger, bis sie wirkt, und kostet erst einmal etwas mehr, doch ist ihre Wirkung weitaus nachhaltiger, was sie langfristig womöglich wieder günstiger und besser macht als eine Langzeitmedikation.” Ansonsten rät Frances zu Stressabbau und einem geregelten Tagesablauf. Und: “Tun Sie das, wovon die meisten Menschen wissen, dass es gut für sie ist”, schreibt er. “Nämlich: Bewegung, Bewegung, Bewegung an der frischen Luft. Sorgen Sie dafür, dass Sie genug schlafen. Reduzieren Sie Ihren Konsum an Alkohol.”

Aus meiner Sicht ist zusammenfassend festzuhalten, dass die positiven Effekte der medikamentösen Behandlung bei depressiven Erkrankungen im Lichte der aktuellen Forschungsergebnisse mit einer gehörigen Portion Skepsis zu betrachten sind.

26 Jan 2017     Dr. Markus Thiele

DEPRESSION & MEDIKAMENTE

DEPRESSION & MEDIKAMENTE - PSYCHOLOGE DR. MARKUS THIELE - BERLIN

Der Verbrauch von Antidepressiva ist stark gestiegen. Dabei gibt es Zweifel an ihrer Wirksamkeit und andere Wege aus dem Dunkel: “Aus dem Schatten ans Licht” von Julia Friedrichs und Thorsten Padberg im Zeit Magazin Nr. 25 vom 24.06.2016.

Hier nun ein Summary ihrer Recherchen:

Wenn jemand, wie Tobias, des Lebens müde ist, braucht er Hilfe. Natürlich wird auch in den allermeisten Fällen eine Psychotherapie empfohlen. Aber die Wartezeiten für einen Therapieplatz sind lang: im Schnitt sechs Monate, so das Ergebnis einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer. So viel Zeit haben Kranke nicht. Also gehen die meisten erst mal zum Arzt. Der hat einen Menschen vor sich, der leidet, und bietet das Mittel an, das schnell verfügbar ist: Medikamente.

Zwischen 2000 und 2013 hat sich in Deutschland laut Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse die verschriebene Tagesmenge an Antidepressiva verdreifacht. Sechs Prozent aller Erwerbstätigen schluckten die Medikamente. 2015 zahlten allein die gesetzlichen Krankenkassen dafür über 750 Millionen Euro an die Pharmaindustrie.

In Drüberleben, dem viel gelobten Roman der Bloggerin Kathrin Weßling, sagt die Hauptfigur Ida über sich: “Ich bin ein menschlicher Verkehrsunfall.” Sie geht in eine Klinik. Dort bringt man ihr bei, was ihr die Lust am Leben nahm: “… kein Schicksal, keine Bestimmung”, schreibt Weßling, “nur ein bisschen Serotonin, das fehlt.” Der Depressive, so vermitteln diese Aussagen, braucht Medikamente, um das chemische Ungleichgewicht in seinem Gehirn wieder in Ordnung zu bringen. Um das Serotonin, das ihm fehlt, künstlich aufzufüllen. Das Hormon Serotonin ist einer der wichtigsten Botenstoffe im Körper. Eine Theorie, mit der viele leben können: die Patienten, die eine einfache Erklärung bekommen, was mit ihnen los ist, und ein Medikament einnehmen können, das oft tatsächlich dazu führt, dass es ihnen besser geht. Die Ärzte, die auf dieser Basis ein Heilmittel anbieten können. Und die Firmen, die genau dieses Heilmittel verkaufen.
Es gibt nur ein Problem: Vermutlich stimmt sie so nicht.

“Dann aber stolperte er über zwei Studien, die ihn zweifeln ließen: Sowohl die Harvard Medical School als auch die WHO berichteten, dass die Zahl der dauerhaft psychisch Kranken in den USA angestiegen sei, zeitgleich zur Menge der verordneten Medikamente.”

In einem kargen Raum im Royal College of Psychiatrists in London hat sich Tim Kendall für uns Zeit genommen. Wir sind nicht die Ersten, denen er heute ein Interview gibt. Er ist ein viel gefragter Mann, schließlich entscheidet er in Großbritannien darüber, wie Depressionen am besten zu behandeln sind. “Diese Serotonin-Hypothese ist totaler Quatsch”, sagt er. Man merkt, dass ihn das simplifizierende Gerede über Serotonin persönlich ärgert. “Ich habe mir die Daten angeguckt, und sie sind Müll. Die Serotonin-Hypothese hält keiner Prüfung stand. Wir wissen heute, dass die Idee, dass ein einzelner Botenstoff für Depressionen verantwortlich gemacht werden kann, eigentlich lächerlich ist.” Auch an der Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg – laut Rankings eine der besten Adressen für Depressionspatienten – klingt das Urteil eindeutig.

Der Chefarzt der Psychiatrie, Tom Bschor, graues Hemd, graue Krawatte, gerader Rücken, ist eine wissenschaftliche Instanz: Mitglied der Arzneimittelkommission, Mitautor der deutschen Behandlungsleitlinien, Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie. Auch er sagt: Obwohl Einzelstudien immer wieder scheinbar gute Ergebnisse für einzelne Medikamente lieferten, “wissen wir aus Analysen, dass der Großteil der Wirkung, die wir sehen, wenn wir einem Patienten ein Antidepressivum geben, auf einen Placeboeffekt zurückgeht. Das ist wissenschaftlich eigentlich nicht zu bezweifeln.” Vor allem bei schweren Depressionen gebe es aber durchaus eine Wirksamkeit der Medikamente. Deshalb verschreibt er sie auch in seiner Klinik. Selbst wenn er den Wirkmechanismus nicht genau erklären kann. “Ich vermute inzwischen, dass zwar Effekte auf das Serotonin da sind, das ist eindeutig, das kann man messen. Aber ich glaube, das sind Begleiteffekte, die wir zusätzlich feststellen, und die eigentliche Wirkung auf die Psyche geht über ein ganz anderes System, das wir gar nicht richtig kennen oder verstanden haben.” Denn in einem Punkt ist auch Bschor überzeugt: “Dass Depressionen durch eine Verschiebung von Neurotransmittern wie Serotonin entstehen und dass Antidepressiva dies wieder ausbalancieren, stimmt mit Sicherheit nicht.”

Wenn Robert Whitaker in seinem Büro in Boston über die Gefahren von Antidepressiva spricht, tut er das mit der Inbrunst des Konvertiten: Der einstige Tageszeitungsjournalist gründete in den Neunzigern eine Firma, die Pharmaunternehmen Berichte über Medikamententests lieferte. “Wir waren Industriefreunde”, sagt Whitaker. Dann aber stolperte er über zwei Studien, die ihn zweifeln ließen: Sowohl die Harvard Medical School als auch die WHO berichteten, dass die Zahl der dauerhaft psychisch Kranken in den USA angestiegen sei, zeitgleich zur Menge der verordneten Medikamente. Whitaker stellte sich die naive Frage: Wie kann das sein, wenn wir Pillen haben, die wirklich helfen? Viele Patienten verzweifeln, wenn sie merken, dass die Medikamente, an die sie glauben, die Depression nicht bezwingen. Allen Frances ist einer der einflussreichsten Psychiater der USA, war Mitautor des weltweit genutzten Diagnosekatalogs für psychische Erkrankungen. In seinem Buch Normal schreibt er, dass es gerade bei leichten und mittelschweren Depressionen viele Pfade geben könne, die aus dem Dunklen führen: Eine Therapie sei mindestens genauso zu empfehlen wie Medikamente. “Es dauert länger, bis sie wirkt, und kostet erst einmal etwas mehr, doch ist ihre Wirkung weitaus nachhaltiger, was sie langfristig womöglich wieder günstiger und besser macht als eine Langzeitmedikation.” Ansonsten rät Frances zu Stressabbau und einem geregelten Tagesablauf. Und: “Tun Sie das, wovon die meisten Menschen wissen, dass es gut für sie ist”, schreibt er. “Nämlich: Bewegung, Bewegung, Bewegung an der frischen Luft. Sorgen Sie dafür, dass Sie genug schlafen. Reduzieren Sie Ihren Konsum an Alkohol.”

Aus meiner Sicht ist zusammenfassend festzuhalten, dass die positiven Effekte der medikamentösen Behandlung bei depressiven Erkrankungen im Lichte der aktuellen Forschungsergebnisse mit einer gehörigen Portion Skepsis zu betrachten sind.