06 Apr 2018

KAMPF UM ANERKENNUNG

MORALISCHES EMPFINDEN - PSYCHOLOGE DR. MARKUS THIELE - BERLIN

Der Begriff der Anerkennung, aber auch die Bejahung, Akzeptanz oder Bestätigung finden in der klassischen Psychoanalyse keine Anwendung.

Doch in einigen neueren, intersubjektivistischen Ansätzen, wie sie unter anderem die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin vertritt, kommt der „Anerkennung“ zunehmend Bedeutung zu.

Auf der Grundlage von Winnicotts (Kinderarzt und Psychoanalytiker) Modell der Entwicklung von der absoluten über die relative Abhängigkeit zur relativen Unabhängigkeit versteht Benjamin (1988) den Narzissmus als Verleugnung von Abhängigkeit. Wenn die schmerzhafte Anerkennung der eigenen Abhängigkeit nicht gelingt und statt dessen die aufrechterhaltene Größenphantasie suggeriert, ohne durch die Anerkennung der Unabhängigkeit der Mutter die eigene Unabhängigkeit zu sichern, bleibt die Mutter in einer Art »reinen«, auf der Verleugnung der Abhängigkeit basierenden Selbstständigkeit der Kontrolle unterworfen – als Dienerin zur Erfüllung der eigenen Wünsche.

Alternativ kann die Abhängigkeit in Form der Unterwerfung unter eine mächtige Mutter akzeptiert werden mit der Hoffnung, dennoch die Kontrolle zu behalten.

“Die Vermutung liegt nahe, dass eine mangelnde Anerkennung seitens der primären Bezugspersonen ursächlich für narzisstische Störungen verantwortlich ist.”

In beiden Varianten ist jedoch die lebenswichtige Balance zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung des Anderen gestört.

Sowohl in der narzisstischen Allmachtsvorstellung als auch in der symbiotischen Verschmelzungsphantasie droht mit der Differenzaufhebung zum Objekt der „psychische Tod“, der nur durch die Anerkennung der eigenen Abhängigkeit und der Unabhängigkeit des Anderen verhindert werden kann. Erst diese Anerkennung schafft eine intersubjektive Spannung, die einerseits ein Getrenntsein vom Objekt und damit Selbstständigkeit und Selbstbehauptung, andererseits ein Miteinandersein und damit Kontakt und Beziehung erlaubt.

Vermutlich wurde J. Benjamin in ihren Ausführungen durch vielfältige philosophische Arbeiten, wie etwa durch Hegels Anerkennungslehre inspiriert. Die narzisstische Störung ist ein »Kampf um Anerkennung« (Hegel).

Auch der Sozialphilosoph Axel Honneth widmet sich in seinem bekanntesten Buch „Kampf um Anerkennung“ intensiv dieser Thematik mit der Folge, dass nun auch die Psychoanalyse Veränderungen ausgesetzt ist. Die Vermutung liegt nahe, dass eine mangelnde Anerkennung seitens der primären Bezugspersonen ursächlich für narzisstische Störungen verantwortlich ist.

“Der Mensch ist ein soziales Wesen. Seine Einstellung zu sich selbst hängt davon ab, was wichtige andere über ihn denken und sagen”, sagt Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München. “Zu spüren, der glaubt an mich, überträgt sich, das Selbstvertrauen steigt, weil der andere meinen Fähigkeiten vertraut.” Daraus folgt der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit: Ich kann es eigentlich, versuche es noch mal, strenge mich an. Werden auch Misserfolge akzeptiert, steigen Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen.“

“Die Anerkennung muss so gestaltet sein, dass sich jeder individuell erkannt fühlt”, sagt Chefarzt Peter Henningsen (für Psychosomatik an der TU München). “Ist das gut gemacht, muss die Wertschätzung nicht für jeden anders sein, aber individuelle Ausformungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, sich gemeint zu fühlen.” Das Lob ist von dem am wichtigsten, dessen Urteil man für besonders relevant hält.

06 Apr 2018     Dr. Markus Thiele

KAMPF UM ANERKENNUNG

MORALISCHES EMPFINDEN - PSYCHOLOGE DR. MARKUS THIELE - BERLIN

Der Begriff der Anerkennung, aber auch die Bejahung, Akzeptanz oder Bestätigung finden in der klassischen Psychoanalyse keine Anwendung.

Doch in einigen neueren, intersubjektivistischen Ansätzen, wie sie unter anderem die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin vertritt, kommt der „Anerkennung“ zunehmend Bedeutung zu.

Auf der Grundlage von Winnicotts (Kinderarzt und Psychoanalytiker) Modell der Entwicklung von der absoluten über die relative Abhängigkeit zur relativen Unabhängigkeit versteht Benjamin (1988) den Narzissmus als Verleugnung von Abhängigkeit. Wenn die schmerzhafte Anerkennung der eigenen Abhängigkeit nicht gelingt und statt dessen die aufrechterhaltene Größenphantasie suggeriert, ohne durch die Anerkennung der Unabhängigkeit der Mutter die eigene Unabhängigkeit zu sichern, bleibt die Mutter in einer Art »reinen«, auf der Verleugnung der Abhängigkeit basierenden Selbstständigkeit der Kontrolle unterworfen – als Dienerin zur Erfüllung der eigenen Wünsche.

Alternativ kann die Abhängigkeit in Form der Unterwerfung unter eine mächtige Mutter akzeptiert werden mit der Hoffnung, dennoch die Kontrolle zu behalten.

“Die Vermutung liegt nahe, dass eine mangelnde Anerkennung seitens der primären Bezugspersonen ursächlich für narzisstische Störungen verantwortlich ist.”

In beiden Varianten ist jedoch die lebenswichtige Balance zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung des Anderen gestört.

Sowohl in der narzisstischen Allmachtsvorstellung als auch in der symbiotischen Verschmelzungsphantasie droht mit der Differenzaufhebung zum Objekt der „psychische Tod“, der nur durch die Anerkennung der eigenen Abhängigkeit und der Unabhängigkeit des Anderen verhindert werden kann. Erst diese Anerkennung schafft eine intersubjektive Spannung, die einerseits ein Getrenntsein vom Objekt und damit Selbstständigkeit und Selbstbehauptung, andererseits ein Miteinandersein und damit Kontakt und Beziehung erlaubt.

Vermutlich wurde J. Benjamin in ihren Ausführungen durch vielfältige philosophische Arbeiten, wie etwa durch Hegels Anerkennungslehre inspiriert. Die narzisstische Störung ist ein »Kampf um Anerkennung« (Hegel).

Auch der Sozialphilosoph Axel Honneth widmet sich in seinem bekanntesten Buch „Kampf um Anerkennung“ intensiv dieser Thematik mit der Folge, dass nun auch die Psychoanalyse Veränderungen ausgesetzt ist. Die Vermutung liegt nahe, dass eine mangelnde Anerkennung seitens der primären Bezugspersonen ursächlich für narzisstische Störungen verantwortlich ist.

“Der Mensch ist ein soziales Wesen. Seine Einstellung zu sich selbst hängt davon ab, was wichtige andere über ihn denken und sagen”, sagt Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München. “Zu spüren, der glaubt an mich, überträgt sich, das Selbstvertrauen steigt, weil der andere meinen Fähigkeiten vertraut.” Daraus folgt der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit: Ich kann es eigentlich, versuche es noch mal, strenge mich an. Werden auch Misserfolge akzeptiert, steigen Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen.“

“Die Anerkennung muss so gestaltet sein, dass sich jeder individuell erkannt fühlt”, sagt Chefarzt Peter Henningsen (für Psychosomatik an der TU München). “Ist das gut gemacht, muss die Wertschätzung nicht für jeden anders sein, aber individuelle Ausformungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, sich gemeint zu fühlen.” Das Lob ist von dem am wichtigsten, dessen Urteil man für besonders relevant hält.

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